Donnerstag, 8. oktober 2009 4 08 /10 /2009 23:59
Genau einmal im Jahr wurde mir ein solcher Brief zugestellt. Genau einmal im Jahr verblasste, neben diesem Brief, die sonst so lebenslustige Farbenprächtigkeit meiner glücklichen Welt. Mit diesem Brief wurde mir die grösstmöglichste Vorfreude geschickt. Mit diesem Brief fiel der Startschuss für meine Imaginationskünste. Mit diesem Brief wurde ich wieder zu einem einmaligen Abenteuer eingeladen... Ich begann zu lesen:


Verehrtes Mitglied der autodidaktischen Gesellschaft für erlebte Historik,

Wir möchten uns für die zahlreichen Einsendungen für das Essay-Ausschreiben zum Thema „Leben am Hofe Georges II.“ bedanken.
Mit Freude haben wir die uns zugestellten Texte gelesen, und mit Stolz dürfen wir vermelden, dass wir damit ein so lebendiges Aufleben dieser bedeutungsvollen Zeit am englischen Hofe erlebt haben, dass der gesamte Vorstand einstimmig beschlossen hat, unsere diesjährige Festlichkeit nach den phantasievollen Ausführungen unserer Mitglieder zu gestalten.
Die Preisverleihung unserer Ausschreibung werden wir an diesem Abend gleichzeitig dazu nutzen, diese wie das Zeremoniell der Heldenehrung zu König George II. Zeiten, abzuhalten.
In der Beilage finden Sie den Ihnen zugewiesenen Adelstitel für diesen Anlass. Ein dementsprechend standesgemässes Auftreten wird erwartet.
Uns ist selbstverständlich bewusst, dass die Einhaltungen der damaligen Hofsitten und Gebräuche in diesem Jahr einen Mehraufwand für unsere Festivitäten bedeuten. Jedoch sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass sich dieser Aufwand an unserem Jahresfest ertragreich ausbezahlen wird. Zu diesem Zwecke wird Professor Dr. Cux in der Vorbereitungszeit jedes Mitglied unserer ehrenwerten Gesellschaft persönlich und selbstverständlich einzeln, für drei Stunden, unterweisen.
Sie werden gebeten, sich am unten aufgeführten Datum im Saal 313 an der Volkshochschule einzufinden. Dort werden Sie von Professor Dr. Cux erfahren, wann und wo unser diesjährige Ball stattfinden wird.
In diesem Sinne ‚Noblesse obligé’ – freundlich grüsst Sie
der Vorstand der autodidaktischen Gesellschaft für erlebte Historik

Ich war sprachlos. Diese Einladung übertraf meine kühnsten Vorstellungen. Ein langer Traum wurde für mich wahr. Ich freute mich so sehr, dass ich fast bereit war, meinen aktuellen Whisky sour als den besten überhaupt zu feiern.
Der nächste Umschlag fühlte sich sonderbar an. Noch merkwürdiger war, dass dieselbe Briefmarke wie auch die auf meiner Einladung zum Ball, aufgeklebt war.
Der Brief war wieder vom Vorstand der autodidaktischen Gesellschaft für erlebte Historik. Man teilte mir mit, dass mir die Ehre zuteil wurde, mich eine der Gewinnerinnen der Ausschreibung nennen zu dürfen. Mein eingereichtes Essay hatte die Jury überzeugt. Deshalb durfte ich im Rang einer Duchesse am Ball erscheinen.
Wie lange ich erstarrt nur dagesessen hatte, konnte ich später nicht mehr sagen. Lange Zeit später, nachdem das Kerzenlicht erloschen war, wurde ich plötzlich der Stille in meinem Wohnzimmer gewahr. Garner’s Pianospiel hatte längst geendet, Mitternacht war vorbei und langsam, nur ganz langsam realisierte ich das Gelesene. Mir wurde klar, dass ich, dass tatsächlich ich es war, die gewonnen hatte. Ich las alles nochmals durch. Ganz langsam sprach ich meinen Namen mit dem Titel aus: „Renée Lambard, Duchesse of Blackwell“. Daran würde ich mich schnell gewöhnen.
Ich nippte wieder an meinem Whisky sour und kürte diesen zum Besten seiner Klasse.
Dann griff ich zum Telefon und wählte die Nummer meiner Freundin Janine, der Schneiderin des Stadttheaters. Es klingelte lange bis jemand abnahm. Endlich hörte ich ihre müde Stimme am anderen Ende der Leitung: „Hallo?“ danach ein langes Gähnen.
„Jeanine, ich bin’s Renée! Du, ich brauche sofort Deine Hilfe! Ich brauche ein Kleid. Ein fürstliches Kleid. Hättest Du vielleicht jetzt Zeit mir die Masse zu nehmen?“ haspelte ich und liess ich meinem Glücksrausch freien Lauf.
„Was ist denn mit Dir los?!“ kam statt einer Zusage die empörte Antwort von Jeanine.
„Jeanine, bring bitte jetzt nicht die ausgeleierten Filmphrasen bei nächtlichen Anrufen! Ich weiss selbst, dass wir zeitmässig eher wieder aufstehen müssen, als schlafen zu können. Aber ich habe Neuigkeiten, die so wundervoll sind, dass die Zeit nicht mehr wichtig ist!“ drängte ich weiter. - Stille am anderen Ende. - „Bist Du noch wach?“ fragte ich verunsichert nach. - „Sicher! Ich höre !?“ knapp meldete sie sich lakonisch interessiert wieder zu Wort, was mich aber trotzdem nicht davon abhielt, ihr euphorisch in aller Ausführlichkeit meine erhaltene Post zu schildern. Jeanine stoppte meinen Redefluss...
... in seiner Wiederholung mit einem resignierten „Dann komm eben jetzt zu mir, ich bereite alles vor!“

Die Entwürfe für mein honettes Kleid waren am nächsten Tag fertig. Jeanine hatte auch an den passenden Umhang, den feudalen Kopfputz und das Täschchen für den wortreichen- doch wortlosen Fächer gedacht.
War sie anfänglich unseres Vorhabens noch müde, legte sich das sehr schnell ab, als sie meine Vorstellungen über die besagte Ballrobe hörte. Schnell erwachte ihre berühmte Kreativität, die in der Freiheit ihres Schaffens noch mehr florierte. Meine Masse inspirierten Jeanine zu gewagten Kreationen, welche jedoch nicht im Ordinären endeten, sondern sich als äusserst sexy zeigten.
Erfüllt mit Tatendrang verabschiedeten wir uns nach dem Frühstück um zur Arbeit zu fahren; sie in Richtung des Theaters, ich in die Klinik, um dort, in gewohnter Manier,  termingerecht meine Patienten zur Psychotherapie zu begrüssen.

... Fortsetzung folgt am  11. Oktober um 19 Uhr 59 Minuten ...

von Vivienne Vernier - veröffentlicht in: Vierte Story - Community: Sex in the City- The Reallife
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arte kommt von ars, artis und bedeutet: Handwerk, Gewerbe. Handwerkszeug, treiben; Geschicklichkeit, Kunstfertigkeit. Beharrlichkeit; Mittel und Wege. Kunstgriff, Kniff; Handlungsweise, Eigenschaft, üble Gewohnheiten; Kunst, Wissenschaft. Dialektit; Dichtkunst; Beredsamkeit; Kunstlehre, Kunsttheorie. Nach den Regeln der Kunst; Gefühl für Kunst.

PORNO wird so definiert: Das aus dem Altgriechischen abgeleitete Kunstwort „Pornografie“ bedeutet wörtlich unzüchtige Darstellung; von griechisch πόρνη (pórne) = Dirne, πόρνος (pornos) = Hurer, auch Unzüchtiger, πορνεία (porneía) = Unzucht und altgriechisch γραφειν (graphein) = malen, schreiben, beschreiben.
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