Sonntag, 11. oktober 2009 7 11 /10 /2009 19:59
Erfüllt mit Tatendrang verabschiedeten wir uns nach dem Frühstück um zur Arbeit zu fahren; sie in Richtung des Theaters, ich in die Klinik, um dort, in gewohnter Manier,  termingerecht meine Patienten zur Psychotherapie zu begrüssen.

Der Zeitpunkt meines abenteuerlichen Tages, den ich mit Ungeduld erwartete, rückte näher. Ich war ein paar Mal bei Jeanine um den Stoff für mein Kleid auszusuchen, das passende Korsett aus Fischknochengerippe für meine Taille zu finden, und um die Unterröcke, natürlich passend zum Kleid, zu wählen. Bei den Unterröcken wogen wir das Für und Wider ab. Jeanine wollte unbedingt stilgerecht alles aufeinander abgestimmt sehen, ich suchte Nischen, um überhaupt noch Bequemlichkeit in diesem Kleide, mit diesem schrecklichen Korsett, erhalten zu können. Ich setzte mich durch, und bekam Unterröcke aus beigem Satin.
In den kurzweiligen Unterrichtsstunden bei Professor Dr. Cux wurde ich im Hofzeremoniell mit Hofknicks, Regeln im Verhalten gegenüber höher- und tiefergestellten Titeln unterwiesen. In der letzten Stunde kam ein Tanzlehrer, welcher in aller Eile die Tanzschritte bei der Quadrille, dem Cottillion und dem Walzer vorführte und mir beibrachte.
Dazu kamen noch die Hausaufgaben. An welcher Stelle ich mir im Gesicht ein Schönheitspflaster aufkleben würde, musste ich mir überlegen. Mit diesem Pflaster gab ich meinen Verehrern ein Zeichen, wie ich auf ihre Liebesbekundungen reagieren würde. Auch den Fächer und die Gestikulationen mit dem Taschentuch mussten gelernt werden; auch sie waren in jener Zeit Ausdrucksmittel für bestimmte Wünsche und Begehren.
Am Schluss der Stunde teilte mir der Professor noch mein Vermögen und Einkommen mit; man hatte aus mir für den Ballabend eine reiche und sehr junge Wittwe eines Duke’s gemacht, welcher den Titel an seinen Cousin mit seinem Tode übertragen hatte.

Ich war vorbereitet für die grosse Gala und hatte eine letzte Anprobe bei Jeanine.
Als ich mich vor dem Spiegel ansah, trat Jeanine hinter mich und sprach bewundernd: „Du bist eine wahre Schönheit. Ich würde fast sagen, Du lebst in der falschen Epoche, Renée! Sogar Deine blasse Haut passt in diese Zeit.“ - Ich musste darüber lachen und meinte glucksend: „Jeanine, weißt Du, warum man den Mitgliedern des Adels nachsagt, sie seien Blaublüter?“
Mit grossen fragenden Augen verneinte sie die Antwort.
„Weil sie eben so blass waren, dass die Äderchen blau hervortraten.“ - „Das ist aber eine simple Begründung für die Rechtfertigung von Klassenunterschieden!“ meinte sie entrüstet. - „Ja, ich weiss. Doch bitte, beginne nicht mit einer solchen Diskussion. Du hast Dir ja auch kürzlich im Theater das Ballett ‚Cinderella’ angeschaut. Bitte betrachte diesen Abend nur aus der märchenhaften Sicht, sonst wird das mir die ganze Freude trüben – sieh nur die Romantik vor Augen!“ - Einlenkend zwinkerte sie mir zu. Ich zog mich wieder um.
Als Dankeschön für Jeanines aufwendige Hilfeleistung, hatte ich für diesen Abend ein Essen für uns zwei vorbereitet. Und schliesslich hatte ich ja auch ein genug grosses Bett, falls es spät werden würde und sie deshalb bei mir übernachten könnte.
Ich mixte uns zwei Whisky sour’s und der Abend ging in eine gemütliche Nacht zwischen Freundinnen über....
Bedächtig zog Jeanine an ihrer Zigarette, stiess den Rauch aus und beobachtete ihn wie er in leichte, graue Schwaden überging und schwer in der Luft hing. Dann lehnte sie sich im Sofa zurück, blickte frech zu mir rüber und sagte: „Sag mal Renée, wirst Du das Schönheitsmal oberhalb Deiner Lippen aufkleben und Dir in der kommenden Nacht einen Prinzen für die Genüsse im Bett suchen? Du bist Single und eine überaus attraktive Frau, die in ihren Bewegungen eine Sinnlichkeit innehat, welche für den Betrachter sehr animierend sein kann. Mein Gedanke ist durchaus nicht abwegig, und neugierig bin ich schon lange, wie rege Dein Liebesleben ist.“ - „Warum interessiert Dich das Jeanine?“ fragte ich, ganz in meinen Beruf als Psychotherapeutin verfallen, nach.
Jeanine durchschaute mein kleines Ablenkungsmanöver und meinte: „Nein, Renée, ganz ehrlich, von Freundin zu Freundin. Ich bin zwar in festen Händen, aber hätte ich meinen Verlobten nicht, ich glaube, ich wäre eifersüchtig auf die kleinen Gefälligkeiten, welche Dir immer wieder zugespielt werden. Und diese Aufmerksamkeiten werden Dir zuteil, weil Du schön bist mit Deinem dunklen Haar, den blauen Augen und der blassen Haut und Deinem roten Mund! Und Renée, mir kannst Du nichts vormachen. Du weißt das. Dein attraktives Erscheinungsbild spielt Dir sehr schnell und sehr leicht kleine Annehmlichkeiten in den Schoss, die Du anzunehmen weißt!“ Jeanine schnippte zur Unterstreichung ihrer Worte mit den Fingern.
„Ach komm, wir sind heute sicherlich nicht mehr so oberflächlich, dass ein schöner Mensch ein leichteres Leben als ein weniger Schöner hat. Wird heutzutage nicht der Wert der inneren Schönheit propagiert?“ widersetzte ich mich fragend ihrer These.
„Ach ja?“ fragte sie ironisch nach. „Dann erkläre mir doch bitte sehr, warum immer die schönste Schauspielerin die Hauptrolle bekommt. Und warum sie eigentlich nicht professionell spielen kann - und dazu noch ein Verhältnis mit dem Regisseur pflegt, ein sexuelles versteht sich! Und jene Schauspielerin mit dem zwar grössten Talent, doch einem weniger einvernehmlichen Äusseren immer die Zweitbesetzung oder gar die Nebenrolle übernehmen muss?“ trumpfte Jeanine auf.
„Ich glaube da kann ich nicht mithalten... Jeanine, ganz ehrlich, das Theater ist eine Welt, die ich nicht logisch verstehen kann. Das Theater folgt seinen eigenen Regeln. Es stammt von Dionysos, hat seinen Ursprung im Rausch des Weines und ist somit wissenschaftlich absolut nicht nachvollziehbar“ versuchte ich mich aus der Diskussion zu entziehen.
Meine emphatische Freundin bemerkte meinen Rückzug und lenkte wieder ein: „Renée, Du sagst es! Aber wir beide haben heute den geistigen Getränken auch ziemlich zugesprochen, und diese Tatsache rechtfertigt ein offenes und vertrauenvolles Gespräch über Deine Liebhaber, zier Dich doch nicht so, erzähle mir einmal, wie meine selbstbewusste Freundin Renée zu der Liebe steht – ich kann mir wahrhaft nicht vorstellen, dass Du Dich ausschliesslich Deiner Arbeit widmest. Du musst doch auch einmal schwache Momente haben, in denen Du Dich nach einer starken Schulter eines Mannes sehnst, in denen Du Dich Deinen Trieben hingibst, in denen Du vergisst, dem modernen Ideal einer Frau nachzustreben und Dich in die Weiblichkeit fallen lässt, in denen nur ein Mann Deine Sehnsucht stillen kann, oder?“
Ich liess mir Zeit mit meiner Antwort und mixte uns nochmals zwei Whisky sour’s. Jeanines Trinkspruch liess meinen letzten Widerstand dahin schmelzen: „Auf dass wir Frauen nicht nur Konkurrenz und Feindseligkeiten zueinander empfinden, sondern auch eine vertrauensselige, zärtliche Solidarität untereinander verspüren können – so wie wir beide für einander!“
„Prost! Auf, dass es nütze“ hob ich mein Glas an. Meine Gedanken zielten in meine Erinnerung zurück. Zu einer Begegnung in meiner Vergangenheit, die für mich noch lange nicht abgeschlossen war, und ich bis anhin als mein Geheimnis verschlossen gehalten hatte. Alles davon kreiste jetzt plötzlich einvernehmend in meinen Gedanken umher und zog mich in eine Zeitreise, zu dem Augenblick, als ich ihn kennengelernt hatte...Unbewusst begann ich die Geschichte Jeanine zu erzählen, und je weiter ich mich zurückversetze, umso weiter entfernte ich mich aus der Gegenwart, ging zurück zu ihm und bemerkte Jeanine kaum mehr.

... Fortsetzung folgt am 14.Oktober um 13 Uhr 37 ...
von Vivienne Vernier - veröffentlicht in: Vierte Story - Community: Sex in the City- The Reallife
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Zur Definition

arte kommt von ars, artis und bedeutet: Handwerk, Gewerbe. Handwerkszeug, treiben; Geschicklichkeit, Kunstfertigkeit. Beharrlichkeit; Mittel und Wege. Kunstgriff, Kniff; Handlungsweise, Eigenschaft, üble Gewohnheiten; Kunst, Wissenschaft. Dialektit; Dichtkunst; Beredsamkeit; Kunstlehre, Kunsttheorie. Nach den Regeln der Kunst; Gefühl für Kunst.

PORNO wird so definiert: Das aus dem Altgriechischen abgeleitete Kunstwort „Pornografie“ bedeutet wörtlich unzüchtige Darstellung; von griechisch πόρνη (pórne) = Dirne, πόρνος (pornos) = Hurer, auch Unzüchtiger, πορνεία (porneía) = Unzucht und altgriechisch γραφειν (graphein) = malen, schreiben, beschreiben.
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